Geschichten aus meiner Praxis

Wir sind uns einig: ein Coaching ohne Ziel funktioniert nicht. Genau das hatte ich in meiner ersten Cochingausbildung gelernt und hatte Glück, denn ich bekam kurz nach Ende der ersten Ausbildung meinen ersten Auftrag für eine ca. 45 jährige Frau, Führungskraft im Vertrieb. Das Kennenlerngespräch lief prima, wir waren uns einig, das Unternehmen stimmte dem Prozess und der Kostenübernahme zu. Dann begann meine Irritation.

Wir konnten also loslegen. Und das taten wir auch. Ich wollte mich nach einem einer Ankommensrunde mit meiner Klientin an die Erarbeitung des Zieles machen. Nun ist es so, dass Klienten in den allerwenigsten Fällen  sofort den einen wahrhaftigen Satz sagen, der als Ziel sofort klasse klingt, sondern wir nähern uns meistens von verschiedenen Seiten, bis das Ziel attraktiv, sexy, gut klingt, wenn es der Klient ausspricht. Es soll sich beim Klienten das Gefühl einstellen: Ja, das habe ich wirklich Lust drauf, also wenn ich mir vorstelle, dieses Ziel zu errteichen, dann gehts mir echt gut.

Wir begannen mit der Arbeit und ehe ich mich versah, waren die ersten zwei Stunden vorbei, ohne dass wir ein Ziel hatten. Kein Ziel nach zwei Stunden??? Ich war etwas irritiert. Mein Irritation ging weiter, denn es vergingen weitere 3×2 Stunden, ohne dass wir ein Ziel hatten. Ich war mir unsicher, ob ich meinen Job richtig machen würde. Ist ja schließlich kein Kaffeekränzchen, für das ich bezahlt werde.

Selbstverständlich sprach ich die Notwenigkeit der Arbeit mit einem Ziel im Coaching in allen Sitzungen an. Mir ist auch die Unterscheidung zwischen KUNDE – KLAGENDER -BESUCHER klar. Trotzdem: ein klares Ziel hatten wir nicht.

Beim vierten Treffen war es dann soweit und meine Klientin erklärte mir Folgendes: Mir tut es gut zu Ihnen zu kommen und mit Ihnen zu sprechen, weil ich das in meinem Unternehmen mit niemandem kann und möchte. Meinen Mann zuhause möchte ich damit auch nicht immer konfrontieren. Ich fühle mich gut hier bei Ihnen in diesem geschützten Raum und kann mir sicher sein, dass nichts nach außen dringt. Darum bin ich hier.

Ich bekomme noch heute eine Gänsehaut, wenn ich an diesen Moment denke. Mir wurde damals dreierlei klar:

  1. Die Luft in Unternehmen wird dünner, je höher man steigt.
  2. Es wird einsamer, je höher es geht.
  3. Wir hatten ein Ziel:Einfach mal über alles sprechen können, mit jemand, der von außen schauen kann, damit man selbst wieder weitermachen kann. Das ist Stärkung der Selbstwirksamkeit, Kräftigung der emotionalen Stabiltät.

Heute weiß ich, dass es manchmal einfach Zeit braucht, bis ein Mensch weiß, wie er das, was er braucht, in Worten formulieren kann. In der Situation Druck aufzubauen ist verkehrt. In den jeweils zweistündigen Sitzungen habe ich meine Klientin als KLAGENDE in ihrem Tun und ihren Anliegen wahrgenommen, ernstgenommen und wertgeschätzt und habe immer wieder mit ihr geschaut, wie ich sie von der KLAGENDEN zur KUNDIN bekomme. Erst wenn ein Klient KUNDE ist, habe ich einen Auftrag, der sich an ein Ziel bindet. Vorher nicht. Das ist alles, was wir als Coaches mit KLAGENDEN, die klagen aber (noch) nicht handeln wollen/können tun können.

Ich bin heute froh, dass ich damals so gehandelt habe. Das, was mich am meisten daran freut:Daraus wurde eine achtjährige Zusammennarbeit.