Our beautiful mind, oder: Warum „authentisch sein“ oft eine Schutz­behauptung ist

In meiner Arbeit begegne ich immer wieder Menschen, die behaupten: „Meine Auftritte sind gut, weil sie authentisch sind!“ Diese Argumentation dient ihnen dann als Begründung dafür, dass sie an ihrem Auftritt nichts verändern brauchen, weil „authentisch“ ja „gut“ bedeutet.

Ich meine, hier haben wir es mit einer Haltung zu tun, bei der Authentizität mit Routine verwechselt wird: „Ich bin authentisch, also muss ich nichts ändern.“

Damit Sie besser nachvollziehen können, was der Unterschied ist, möchte ich Sie gern zu einem kurzen Experiment einladen. Bitte machen Sie mit, während sie lesen:

  • Falten Sie Ihre Hände so, wie Sie sie falten, wenn Sie nicht über den Vorgang nachdenken.
  • Machen Sie sich dann klar, wie Sie Ihre Finger arrangiert haben.
  • Bei mir liegt der linke Daumen über dem rechten Daumen und alle anderen Finger entsprechend.
  • Das kann bei Ihnen anders sein. Wichtig ist, dass Sie sehen, was Sie  getan haben, ohne darüber nachzudenken.
  • Das ist Routine. Sie hilft Dinge zu tun, ohne sich vergewissern zu müssen, wie es dazu kommt.
  • Nun bitte ich Sie, Ihre Hände wieder zu entfalten und noch einmal neu zu falten, aber anders:
    Achten Sie beim Falten jetzt darauf, dass Sie den vorher unteren Daumen nun über den anderen Daumen legen. Arrangieren Sie alle anderen Finger entsprechend.
  • Was passiert? Es sieht fast genau so aus wie die erste Version, fühlt sich aber ungewohnt an. Oder?

Vielen Dank, das Experiment ist beendet. Sie  können die Hände wieder frei bewegen.

Zwei Möglichkeiten, die Hände zu falten. Welche Version ist Routine? Welche ist ungewohnt?

Zwei Möglichkeiten, die Hände zu falten. Welche Version ist Routine? Welche ist ungewohnt?

Unser Gehirn bewertet die neue Situation und gibt uns zu verstehen, dass es gern wieder zum gewohnten Zustand zurück möchte. Wir erleben die neue Situation als nicht komfortabel und beschließen, dass es nicht gut ist – und deshalb nicht zu uns passt.

Hand aufs Herz: Beide Versionen sehen sich von außen betrachtet sehr ähnlich. Die erste Version ist Routine, die zweite neu. Und weil sie neu ist, wird sie als „komisch“ bewertet. Dabei ist sie nur ungewohnt und könnte, wenn Sie sie als Handlungsoption zulassen, auch zu Ihnen passen.

Daher ermutige ich die Menschen, mit denen ich arbeite, immer dazu, das Neue nicht gleich zu verwerfen, sondern einer Wirkungsprüfung zu unterziehen, bei der wir andere Teilnehmer nach der Wirkung fragen und sie bitten zu beurteilen, ob das Neue auch passen könnte.

Ergebnis: in allen Fällen passt’s.

Fazit

„Authentisch“ heißt, man selbst zu sein. Authentisch zu sein bedeutet auch: Zulassen, dass es trotz allem, was wir bisher als sinnvoll und nützlich empfunden haben, immer etwas geben wird, das neu und ungewohnt für uns ist und trotzdem zu uns passt.
Es dauert nur ein Weilchen, bis sich die „Passung“ gut anfühlt.

Fotos: (1) © AdrianHillman – iStock.com – #5689960, (2) Peter Claus Lamprecht

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